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Ganz weit weg von Humbug

Ganz weit weg von Humbug
Das Ensemble des Theater unterm Dach nimmt den Beifall des Publikums entgegen. Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickes in der Alten Kirche wird eine sehr gute Wisst-Ihr-noch-Erinnerung werden. FOTO: Rainer Höckels
Nettetal. Das Theater unterm Dach spielte die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens unter der Regie von Axel Dammer und setzte damit neue Maßstäbe. Fünfmal hintereinander ist die Alte Kirche in Lobberich ausverkauft. Von Ulrich Rentzsch

Begrüßen wir Ebenezer Scrooge, diesen Fiesling, diesen Geizhalz: Er, der Weihnachten für abgrundtiefen Humbug hält, der seinem Angestellten permanent mit Kündigung droht, der nicht den kleinsten Penny für die Bedürftigen übrig hat, der alles gering schätzt, was nur einen Hauch von Freundlichkeit zeigt, diesen Ebenezer Scrooge zeigt uns Fabian Matussek. Dieser Griesgram, dieser Grobian. Wer opfert sich noch, mit ihm eine Unterhaltung zu beginnen? Scrooges Neffe Fred (Frederik Derendorf), dessen gute Laune und Optimismus ansteckend sind? Sein Kommis Bob (Jan Götte), der es kaum wagt, Widerworte zu geben? Oder die Spendensammlerinnen (Wybke Reuther und Monique Kaiser), die wie jedes Jahr eine wirsche Abfuhr erhalten? Alle lassen nichts unversucht, aber gegen Scrooges kalte Stirn und Schultern ist kein Kraut gewachsen. "Fröhliche Weihnachten, Mister Scrooge!" Scrooge kann nur grunzen: "Humbug."

Ebenezers Leben ändert sich von Grund auf, als ihm der Geist seines ehemaligen Geschäftspartners Jacob Marley (Axel Dammer) erscheint. Er kündigt die Geister der vergangenen Weihnacht (Yvonne Guth), der gegenwärtigen Weihnacht (Katrin Steuten) und der zukünftigen Weihnacht (will unter der Kutte ein Geheimnis bleiben) an. Scrooge erinnert sich an Kindheit und Liebe, erkennt das Hier und Jetzt und darf dabei in das Leben und Sorgen seines Angestellten Bob blicken. Schließlich liest er seinen Namen auf seinem Grabstein. Erfrischend dabei der Auftritt der beiden Leichenfledderinnen (Carina Tzschentke und Jule Götte) und Lumpenhändler (Patrick Viets), die sogar seine Unterwäsche verhökern. Starker Tobak – selbst für Scrooge. Er windet sich, er fällt auf die Knie, er kriecht über den staubigen Boden.

Aber erkennt und bereut und hat die Kraft, sich zu ändern. Am ersten Weihnachtstag findet er sich wieder in bester Laune, versöhnt sich mit Fred und Bob (erhöht sogar sein Salär) und spendet und spendet und spendet. Fröhliche Weihnacht.

Langer, langer Applaus. Lauter Beifall für ein tolles Ensemble. Beifall auch für die vielen Helfer und Mitarbeiter hinter der Kulisse: Naturgegeben waren Bühnenbild, Requisite und Kostüme (Dieter Fackendahl und Elfriede Miller-Fackendahl) und Licht und Ton (Lukas Hauertz, Thomas Christians und Johannes Schwab) offensichtlich. Da passte aber auch jede Nuance. Regie führte Axel Dammer, der zusammen mit Dieter Fackendahl die Gesamtleitung übernommen hatte. Das Theater unterm Dach darf stolz sein. Ihm ist eine feinfühlige, nahe gehende Inszenierung gelungen.

Noch ein Wort zur Alten Kirche: Nettetal darf sich glücklich schätzen, solch einen Veranstaltungsort nutzen zu dürfen. Gleich, welche Veranstaltung aus Kunst und Kultur präsentiert wird: Schon dieses Zuhause macht es zu etwas Besonderem.

(Report Anzeigenblatt)