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Niederrheintheater
Gechattet, verliebt, vermisst

Niederrheintheater: Gechattet, verliebt, vermisst
Das Niederrheintheater hat ein neues Präventionsstück im Programm. FOTO: Siemes
Brüggen. Lara ist 13 Jahre alt. Sie freut sich über ihren neuen Laptop. In einem Flirt-Chat trifft sie auf einen Mann, der sie versteht, mit dem sie direkt auf einer Wellenlänge liegt. Sie lässt sich auf ihn ein. Aber sie ahnt nicht, dass "Humpert" ein 40 Jahre älterer Lkw-Fahrer ist. Mit diesem sensiblen Thema beschäftigt sich jetzt das Niederrheintheater. Der Extra-Tipp war zu Besuch bei der Probe in Schloss Dilborn. Von Dirk Kamps

"Wir möchten gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen, die junge Leute betreffen." Das sagt Verena Bill vom Niederrheintheater. Erstmals hat sie gemeinsam mit ihrem Partner Michael Koenen in dieser Woche das Stück "Hast du ein Bild von dir?" präsentiert - vor ausgewähltem Publikum. Die Brüggener Gesamtschule war in Schloss Dilborn zu Gast.

Zwei Tage zuvor: Im Theatersaal proben Verena Bill und Michael Koenen. Für beide ist das Stück eine Herausforderung. Zum einen ist es die Brisanz des Themas, das die beiden auch als Eltern einer Tochter berührt. Auf der anderen Seite ist es eine schauspielerische Herausforderung. Verena Bill spielt eine 13-Jährige, Koenen den gleichaltrigen besten Kumpel. "Ich habe in den vergangenen Wochen besonders darauf geachtet, wie sich Jugendliche geben, welche Gesten, welche Sprache typisch für sie sind", erklärt Bill.

Das Stück "Hast du ein Bild von dir?" ist als Präventionsstück gedacht, wendet sich also bewusst an Schüler, aber auch deren Eltern und die Lehrer. Mit einem solchen Konzept hatte das Niederrheintheater im vergangenen Jahr bereits Erfolg. Bei "Bis ans Limit" ging es um die Folgen von Alkoholmissbrauch. In einer dritten Folge soll es im übernächsten Jahr um das Thema Essstörungen gehen. "Ich schreibe das Stück selbst", sagt Verena Bill. Nun konzentriert sie sich auf die Figur der Lara. Das 13-jährige Mädchen chattet "nur mal so aus Spaß" im Internet. Anzüglichkeiten und Pöbeleien erschrecken sie. Doch dann "trifft" sie "Humpert". Er scheint anders als die anderen zu sein. Das gefällt Lara. Sie fühlt sich verstanden. Aber über das "neue Leben" im Internet vergisst sie, was wirklich zählt. Ihre Schulnoten gehen in den Keller. Und schließlich wird aus dem harmlosen Flirt mehr. Er nimmt bedrohliche Züge an. Denn durch das blauäugige Preisgeben von Daten im Netz, hat "Humpert" schnell herausgefunden, wer "Sweet Lo 14" - so nennt sich Lara im Chat - in Wahrheit ist. Und wo sie wohnt.

Unterbrochen wird das Stück immer wieder von Nachrichtensendungen, in denen über das Verschwinden der 13-jährigen Lara berichtet wird. Zuletzt habe sie sich mit einem 53-jährigen Mann getroffen, den sie in einem Internetchat kennengelernt hat.

Was ist mit dem Mädchen passiert? Die konkrete Antwort bleibt offen. Dafür wird aber ein alternatives Ende geboten. So, wie es noch hätte gut gehen können. "Hast du ein Bild von dir?" soll zum Nachdenken anregen. Und es soll dazu führen, dass über das Thema gesprochen wird. In den Familien und in der Schule.

Im Mai wird das Niederrheintheater das Stück im Dülkener Clara-Schumann-Gymnasium aufführen. "Das Thema ist wichtig", sagt Verena Bill. Im Vorfeld haben sie und Michael Koenen sich selbst ein Bild davon gemacht, was im Internet teilweise abgeht. "Wir haben auch mit einigen Jugendlichen über deren Erfahrungen gesprochen", berichtet Koenen. Es sei erschreckend, dass sich Pädophile in Chats "einschleichen", die extra für Kinder und Jugendliche "ausgeschildert" sind. "Aber ich war auch sehr betroffen davon, wie respektlos die Jugendlichen zum Teil miteinander umgehen", sagt Verena Bill.

(Report Anzeigenblatt)