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Zehn Minuten auf den Boden

Zehn Minuten auf den Boden
Der Viersener Altenpfleger, Stephan Seng (liegend), in Mitten seiner Kolleginnen und Kollegen und den Bewohnern des Hubertusstift Willich. FOTO: Björn Rudakowski
Kreis Viersen. Der Viersener Altenpfleger Stephan Seng steht gemeinsam mit Heimbewohnern, Heimleitung und Kollegen Seite an Seite bei einer Protestaktion. Von der Redaktion

„Mein Beruf muss attraktiver werden, damit mehr Pflegekräfte länger im Beruf bleiben und viel mehr diesen Beruf ergreifen. Er ist einer der schönsten und wichtigsten Berufe in unserer Gesellschaft.“ Das sagt Stephan Seng aus Viersen. Er ist seit 43 Jahren in der Pflege tätig. Am 8. Mai organisierte er eine viel beachtete Protestaktion am Hubertusstift in Willich. Dort arbeitet der 58-jährige Altenpfleger. Sein Protest wurde durch die Diag.Mav Aachen und den Pressesprecher der Mitarbeiterseite des Caritasverbandes, Rolf Cleophas, unterstützt.

„Der WDR ist da“, freut sich der Pfleger, der nicht länger gewillt ist, seine Unzufriedenheit im Stillen mit sich selbst auszumachen. „Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist fünf nach zwölf“, ist das Motto seiner Protestaktion, die bereitwillig von Anton Deiringer unterstützt wird. Deiringer ist Heimleiter und seit 20 Jahren im Hubertusstift beschäftigt. Der Leiter stellt sich ungewöhnlich klar hinter die Aktion seiner Mitarbeiter. „Meine Aktion ist der erste zehnminütige bezahlte Streik in einem katholischen Altenheim“, scherzt Seng. „Mein Chef hat extra den Arbeitsablauf so organisiert, dass all meine Kolleginnen an der Protestaktion draußen vor dem Heim teilnehmen können.“

Nach einem Burnout schloss sich der Pfleger dem Protestbündnis „Pflege am Boden“ an. Seit 2013 kennen ihn die Viersener Bürger als den Mann, der sich mehrmals im Jahr in der Fußgängerzone für zehn Minuten auf den Boden legt, um auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen.

Ideen, wie der Pflegeberuf attraktiver und die Pflege wieder menschenwürdiger wird, bringt er auch mit.

„Die Pflegekosten dürfen nicht zu Lasten der Bewohner oder deren Angehörigen gehen und müssen aus Steuergeldern komplett finanziert werden“, und er verweist auf Norwegen, wo man dies schon lange praktiziere.

„Beschäftigte dürfen nicht zwölf und mehr Tage an einem Stück im Schichtdienst arbeiten. Eine Reduzierung der Überstunden und der Wochenstunden würden dem entgegenwirken“, sagt er. Seng berichtet davon, dass er im letzten Jahr sechs Wochen an einem Stück an Mehrarbeitsstunden abfeiern konnte und sich nun wieder sechs Wochen angesammelt haben.

Als langjähriger Vorsitzender der Interessenvertretung seines Heimes wünscht er sich eine Stärkung der Mitberatungs- und Mitbestimmungsrechte für die Beschäftigten in der Pflege. „Wir brauchen keine Kammer, wir brauchen einen refinanzierten Tarif und die Anwendung des Betriebsverfassungsgesetzes in allen Pflegeeinrichtungen bundesweit“, erklärt Seng.

Er gibt sichtlich gerne Antworten auf die neugierigen Fragen der Reporter, die ihm offenbar schon länger auf der Zunge liegen. Trotz oder gerade wegen seiner kernigen Forderung steht er an diesem Tag gemeinsam mit seinem Chef, den Kollegen und den Bewohnern Seite an Seite vor dem Altenheim in dem er arbeitet.

(Report Anzeigenblatt)