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Was hat Vorrang? Wirtschaft oder Umwelt?

Was hat Vorrang? Wirtschaft oder Umwelt?
Die Demonstrationen gegen die Rodung des Hambacher Forstes reißen nicht ab. FOTO: Soli für Hambi/ Ron Weimann
Kreis Viersen. Wirtschaft vor Umwelt? Arbeitsplätze vor Bäume? Was tun, wenn der Fernseher und der Föhn zu viel oder den falschen Strom verbrauchen? Das interessiert – in diesen Tagen ganz aktuell – nicht nur die Anwohner unmittelbar rund um den Hambacher Forst. Auch hier vor Ort haben sich die Menschen positioniert und schauen auf den Hambacher Forst – gelegen zwischen Jülich und Düren. Von der Redaktion

Nach dem erfolglosen Klagen von Umweltschützern gegen den Energiekonzern RWE vor den Verwaltungsgerichten in Köln und Münster steht der Rodung des Hambacher Waldes nichts mehr im Wege. Der Energiebetreiber hält die Rodung für notwendig, um die unter dem Wald liegende Braunkohle wirtschaftlich nutzen zu können.

Seitdem ist unter den Bürgerinnen und Bürgern in NRW eine kontroverse Debatte entfacht. Neben ökologischen und ökonomischen Aspekten, wird spätestens nach dem tragischen Tod eines Journalisten laut darüber gestritten, wie weit der politische Widerstand gegen Entscheidungen des Staates gehen darf. Der Extra-Tipp hat sich in unserer Region zu diesem Thema umgehört.

"Es fehlt am politischen Durchsetzungs-Willen – offensichtlich quer durch alle Parteien – um diesen ökologisch und ökonomischen Wahnsinn zu stoppen", befürchtet der Steuerberater, Ulrich Ploenes-Cremers, aus Nettetal-Hinsbeck. "Das gleiche Prinzip wie bei der Braunkohleverstromung in NRW wird uns ja aktuell auch beim sogenannten "Abgas-Skandal" vor Augen geführt – die Macht der Konzerne ist und bleibt doch sehr groß", stellt der Familienvater von zwei Kindern fest. "Seit vielen Jahren liegen für den umweltverträglicheren Betrieb von Pkw/ Lkw die Pläne in der Schublade", erklärt er, "trotzalledem glaube ich aber auch, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Wege sind. Es braucht aber stete und deutliche Erinnerung an das Weiterführen dieses Weges", zeigt Ploenes-Cremers Verständnis für die Proteste der Umweltaktivisten.

"Leider ist die RWE im Recht. Die leidtragenden sind die Polizisten, deren Job es nun mal ist, geltendes Recht durchzusetzen. Leidtragende sind auch die Leute, die sich aufopfernd gegen die RWE stellen und ihr Leben für die Umwelt aufs Spiel setzen", sagte Michael Rütten aus Nettetal, kurz bevor der tödliche Unfall im Hambacher Wald in den Nachrichten bekannt werden sollte. "Heutzutage kann es keine Lösung sein, einen Wald für das Auslaufmodell Kohleenergie dem Erdboden gleich zu machen und ein Wasserloch dafür zu hinterlassen. Zum Zeitpunkt des Grundstückskaufs dachte niemand groß über die Zukunft nach. Nun befinden wir uns in dieser Zukunft und sollten Fehler aus der Vergangenheit korrigieren, solange dies möglich ist. In diesem Falle gibt es diese Möglichkeit", ist sich der 43-jährige Vertriebsmitarbeiter sicher.

Sabine Schrey ist 1977 in Niederkrüchten geboren. Vor ihrem Veterinärmedizinstudium arbeitete sie als Erzieherin in einem Elmpter Kindergarten. Mittlerweile hat sie sich mit einer mobilen Kleintierpraxis selbstständig gemacht. Sie sagt: "Ich war am Sonntag bei dem geführten ,Waldspaziergang', der nicht in den Wald ziehen durfte, ich war eine von 6.000 bis 7.000 Teilnehmenden, und es war ein überwältigendes Gefühl, diese Solidarität zu sehen. Meiner Meinung nach ist der Hambacher Forst als ursprüngliches Ökosystem einzigartig, schützenswert und nicht durch eine anschließende Renaturierung zu ersetzen. Ich habe mich der Demonstration angeschlossen, weil der Hambacher Forst ein Symbol für eine widersprüchliche Energie- und Klimapolitik geworden ist. Eine Politik, die die Interessen eines Konzerns bis zur Absurdität vertritt – gegen die Interessen eines großen Teils der Bevölkerung und vor allem gegen eine überfällige Energiewende."

"Ich finde es gut, dass es diesen Protest gibt und bewundere das Engagement derer, die sich den Schutz des Waldes zu ihrer Aufgabe gemacht haben", sagt die Krankenschwester Heike Dörner aus Nettetal. "Ohne diese Art des Protestes würde der Umweltschutz in der Medienflut untergehen", befürchtet die 50-jährige Mutter von zwei Kindern.

(Report Anzeigenblatt)
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