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Warten, bis es früher wird

Warten, bis es früher wird
Notwendiges Accessoire: An Knotenpunkten des Nahverkehrs müssen Fahrräder abgestellt werden können. FOTO: pixabay.com
Kreis Viersen. Wir können Rad fahren. Das stimmt. Beim Fahrradklimatest 2014 und 2016 des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) konnte allerdings keine Kommune im Westkreis Viersen in überschäumenden Jubel ausbrechen. Es gibt offensichtlich viel zu tun – gerade jetzt, wo das Rad als alternatives Verkehrsmittel ganz aktuell in den Mittelpunkt geschoben wird. Und das dauert seine Zeit. Von Ulrich Rentzsch

Eine Fahrradstraße ist ein für den Radverkehr vorgesehener Bereich. Das Ziel ist, die Attraktivität des Radverkehrs zu steigern und gleichzeitig Vorteile gegenüber dem Kraftverkehr zu schaffen Attraktivität? Warum? Ist es überhaupt nötig, zu diskutieren, ob wir in unserer Region Fahrradstraßen einrichten müssen? Reichen die Fahrradwege, die wir kennen, nicht alle Male aus, um von Zuhause zur Arbeit oder am Sonntag an der Schwalm entlang zu radeln?

Unsere Radwege sind größtenteils in Ordnung. Mit dem Knotenpunktsystem (inzwischen gibt es 116 Knotenpunkte auf 519 Kilometer dazu ausgeschilderten Wegen) ist es für Ausflugsradler ein Vergnügen, den linken Niederrhein in aller Gelassenheit zu erkunden. Wer morgens kurz nach Sonnenaufgang 20 Kilometer auf dem Rennrad braucht, um den späteren Tag brauchbar zu machen, hat unzählige Möglichkeiten – sogar mit kleinen Bergwertungen.

Aber für die Menschen hier vor Ort ist das nicht neu. Ganz modern: Zusätzlichen Schwung bei Gegenwind und leichter Steigung bieten alle Räder, die mit unterstützendem Motor fahren können. Machen wir hinter dem Rad als Spaß- und Erholungszubehör einen großen Haken.

Die aktuellen Diskussionen schieben das Rad vehement in den Fokus: Dieselskandal, Gesundheit, Klimawandel – um nur einige Schlagworte zu nennen. Und doch schleicht sich ein Gefühl ein: Alle finden Radfahren toll und empfinden es zumindest als Teil der Antwort auf viele Fragen, doch Entscheidendes ändern möchte niemand. Die Zeit vergeht halt, und konkrete Entscheidungen mag keiner verantworten – um niemandem auf den Schlips zu treten.

Wer kümmert sich darum, dass an Bahnhöfen ausreichend Fahrradboxen zur Verfügung stehen, damit Berufspendler die Attraktivität des Pendelns ohne Auto erkennen?

Zeit ist schon vergangen, seit die Grünen in Nettetal gerne Fahrradboxen am Breyeller Bahnhof gesehen hätten. Da stünde das Rad sicher und trocken, wenn man mit der Bahn weiterfahren möchte. Allerdings hat der vorgesehene Anbieter der Boxen sein Portfolio umgestellt, ein anderer passender Anbieter ließ sich nicht finden, auf Fördergelder muss mindestens zwei Jahre nach Förderanfrage gewartet werden. "Manchmal ganz schön frustig", sagt Guido Gahlings, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Nettetaler Rat, "aber wir müssen am Ball bleiben."

Wer kümmert sich um die Instandhaltung von Radwegen, bei denen sich Wurzelerhebungen mit Schlaglöchern abwechseln und zügiges Radfahren seit Jahren beinahe unmöglich machen (beispielsweise Radweg zwischen Boisheim und Dülken)?

Die Straße selbst, die L29, gehört dem Landesbetrieb straßen.nrw (plant und baut alle Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen), die Unterhalts- und Sicherungspflicht liege bei der Stadt Viersen. Man sei im Gespräch, im kommenden Jahr wolle man zu Ergebnisse kommen, hieß es bei straßen.nrw. Bis dahin vergeht noch ein bisschen Zeit.

Andreas Domanski ist Vorsitzender des ADFC Krefeld/ Kreis Viersen. Er kennt sich aus zwischen Maas und Rhein. "Besonders schlecht empfinden wir die Situation an den Landstraßen. Hier sind die Radwege oft in katastrophalem Zustand", sagt er. Zwar seien die Radwege in Sanierungslisten aufgeführt, doch rückten sie wieder tiefer, wenn anderes ansteht. Ortsdurchfahrten werden durch Poller und Umlaufgitter erschwert. Große Kreuzungen bergen für den Radler großes Gefahrenpotenzial. Und: "Am Arbeitsplatz müssen sichere Abstellplätze geschaffen werden", sagt Andreas Domanski und vermutet: "Wem das Rad zweimal gestohlen worden ist, der fährt wieder Auto.

Warum kann man in Einbahnstraßen nicht unbürokratisch den Fahrradverkehr in entgegengesetzter Richtung zulassen? Nicht nur die Wevelinghover Straße in Lobberich und die Gartenstraße in Alt-Viersen warten auf Lösungen – übrigens seit Jahren. Jochen Häntsch aus Viersen kümmert sich leidenschaftlich um die SPD-AG 60 plus. Die hatte 2015 der Stadt Viersen einen Mängelkatalog überreicht, der 2018 fortgeschrieben wurde. "Einiges ist verbessert worden", sagt Jochen Häntsch, "anderes wartet noch auf Erledigung." Schelte für die Verwaltung möchte er nicht austeilen, aber Hoffnung, dass sich schnell etwas ändert, hat er nicht. Zuständigkeit, Personalwechsel und -mangel – so vergeht halt die Zeit.

"Der Radverkehr verdient weitaus höhere Beachtung in den Verkehrsplänen", sagte René Heesen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreis Viersen. Man müsse Verbündete finden, wenn strukturiert, geplant wird. "Dabei müssen auch Tabus gebrochen werden", fordert René Heesen, der sich auch für das Modell der Radschnellwege einsetzt: "Gut ausgebaut, sicher und ohne Stopps." Geplant ist beispielsweise ein Radschnellweg von Krefeld nach Mönchengladbach die "eConnectioneLine".

(Report Anzeigenblatt)