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Messerscharfe Daten

Messerscharfe Daten
Ein Verein, ein Team, doch die Spieler bleiben unter Umständen ohne Namen. FOTO: Martin Büdenbender/ pixelio.de
Der Deutsche Handballbund führt zur nächsten Saison den elektronischen Spielbericht bis hinunter zur jüngsten Jugend und zur niedrigsten Liga ein. In einigen Handballkreisen und in höheren Ligen läuft das System bereits. Es ist gläsern. Ist das gut? Extra-Tipp-Mitarbeiterin Heike Ahlen hadert damit. Sie ist Trainerin einer weiblichen E-Jugend. Von Heike Ahlen

Kreis Viersen (hei).

Dass Elektronik Papier ablöst und dass statt mit festem Kugelschreiber-Druck und drei Durchschlägen zu schreiben in Zukunft auf dem Tablet-PC geklickt wird, ist für mich in Ordnung. Es ist wirklich viel einfacher.

Was mich stört, ist die Tatsache, dass in Zukunft jedes Spiel minuziös nachvollzogen werden kann. Teilweise sogar per Liveticker in Echtzeit. Wenn man will, weiß man mit wenigen Sekunden Verzögerung, ob das Nachbarskind gerade einen Torerfolg bejubeln darf oder einen Siebenmeter verworfen hat. Dass Arbeitgeber überprüfen können, ob ihr krank gemeldeter Angestellter vielleicht doch "auf der Platte" steht, sogar eine "Hütte" nach der anderen macht und Montag wieder leidend zu Hause bleibt, damit habe ich kein Problem.

Meine Probleme liegen bei den Kindern. Es gibt Kinder, die des Datenschutzes unbedingt bedürfen. Wir haben hier in der Region einige große Jugendhilfe-Einrichtungen. Nicht wenige Kinder leben dort "inkognito", das heißt: Ihre Eltern dürfen nicht erfahren, wo sie sich befinden. Dazu, ihrem Leben Normalität zu geben, gehört aber auch die Mitgliedschaft in Sportvereinen. Bisher war das kein Problem. Hatte man ein solches Kind in der Mannschaft, gab es dezente Hinweise an Pressefotografen oder Begleiter der gegnerischen Mannschaft, wer nicht drauf sein durfte auf den Bildern. Und der Spielbericht mit dem Namen drauf verschwand anschließend in der Versenkung von Handballkreis und Mannschaftsverantwortlichen. Zum Schutz des Kindes einen Fantasienamen eintragen, kann ich nicht, das System überprüft die Stimmigkeit von Name und Passnummer – was ja auch richtig ist.

Ich will damit auf keinen Fall jenen Eltern das Wort reden, die sich überall datenschutz-fanatisch zeigen, es bereits ablehnen, wenn Fotos, die im Kindergarten entstanden sind, auf dem Sommerfest desselben per Beamer gezeigt werden. Die auf ihr Recht bestehen, einfach, weil sie dieses Recht haben.

Aber ich möchte, dass die Jugendhilfe-Einrichtungen uns als Vereinen weiterhin ihre Kinder anvertrauen, weil Mannschaftssport wichtig ist, weil das Erleben von Teamgeist, von gemeinsamen Siegen und Niederlagen zum Großwerden gehört.

Und ich habe ein pädagogisches Problem. Und zwar ein ganz großes. Natürlich wurde per Strichliste auch im alten Papier-Spielbericht vermerkt, wer wie viele Tore geworfen hatte. Aber wenn die Generationen von Kindern, die ich inzwischen trainiert habe, dann fragen kamen: "Wie viele Tore habe ich heute gemacht?", wussten sie genau, dass ich diese Spalte im Spielbericht abdecken und keine Antwort geben würde. Denn es ist nicht wichtig, wer wie viele Tore wirft. Es ist wichtig, dass die Mannschaft als Mannschaft zusammenspielt, dass der Blick für den besser postierten Mitspieler da ist und dann der messerscharfe Pass kommt.

Wenn ich jetzt auf die Frage nach der Zahl der Tore sage: "Das geht Dich nichts an", dann zückt die "junge Dame" ihr Handy und guckt online nach. Und zu allem Überfluss gibt es auch noch eine Torschützenliste für die gesamte Saison, in der am Ende die beste Torschützin der ganzen Liga oben steht. Und wer will nicht da stehen?

Das führt dazu, dass von einigen Spielerinnen wieder eigensinniger gespielt wird. Dass eben nicht die besser postierte Mannschaftskollegin den Ball bekommt, sondern dass man selbst unbedingt das Tor machen will.

Ich war sehr glücklich, als vor einiger Zeit für die F-Jugend eine Regelung eingeführt wurde, bei der die Zahl der Tore mit der Zahl der Torschützen multipliziert wurde, um den Sieger des Spiels zu ermitteln. Das sollte verhindern, dass ein talentiertes Kind allein ein Spiel gewinnen kann. Aus einem 20:5-Sieg bei dem ein Kind 20 Tore geworfen hatte, während in der anderen Mannschaft fünf Kinder je einmal trafen, wurde eine 20:25-Niederlage. Und die Sieben- bis Achtjährigen, die dort spielen, hatten schon nach zwei oder drei Spielen raus, dass es wichtig ist, zusammenzuspielen, so vielen Kindern wie möglich einen Torerfolg zu gönnen. Der elektronische Spielbericht ist hier ein Salto rückwärts.

(Report Anzeigenblatt)