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Logbuch: Andreas, nimm Fleisch!

Logbuch: Andreas, nimm Fleisch!
FOTO: photomix-Company/pixabay.de
Allein bei dem Gedanken an Bigos und Piroggen läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen? Oranzada, die wahrscheinlich süßeste Limonade des Universums, hat Ihnen auch schon mal den ein oder anderen heftigen Zuckerschock bereitet? Von Simone Krakau

Wenn Ihnen jemand einen randvollen Teller Schwarzsauersuppe oder auch Czernina genannt (Suppe aus – sorry, liebe Veganer und Vegetarier – Gänseblut), anbietet, laufen Sie nicht gleich kreischend weg, sondern fragen prompt nach einer doppelten Portion? Und wenn jetzt noch Prince Polo für Sie kein Polo spielender Prinz, sondern ganz klar der beste Schokoriegel überhaupt ist, dann haben wir ganz bestimmt etwas gemeinsam! Wahrscheinlich haben auch Sie polnische Wurzeln genau so wie ich, richtig? Oder Sie sind mindestens mit einem Menschen polnischer Herkunft verheiratet, verschwägert, verschwippschwägert ober aber befreundet. Meine Eltern kamen Ende der 70er-Jahre nach Deutschland. Meine Schwester und ich sind somit in der "neuen Heimat" geboren. Uns zweisprachig erziehen wollten sie aber nicht. Schade, wie ich finde. Vor allem, weil man im ganzen Familien-Drumherum irgendwie doch schon immer ein wenig polnisch unterwegs war, wenn man das so sagen kann. Neben den klassischen Speisen, die Oma & Co bei den 35 Familienfeiern im Jahr servieren, ist es noch viel mehr, dass scheinbar polnischer nicht sein könnte.

Darauf machte mein Freund mich dann vor einigen Jahren erstmals aufmerksam, nachdem er die erste Feierlichkeit mit ordentlichen Magenkrämpfen verließ. Auch er durfte erfahren, dass das Wort "satt" in meiner Familie entweder nicht verstanden werden möchte oder aber schlicht und ergreifend ignoriert wird. Wer angeblich satt ist und es wagt, zur dritten Portion Krakauer-Wurst mit der Kohl-Fleisch-Beilage Bigos "Nein, danke." zu sagen, na ja, der ist entweder sehr mutig oder aber einfach nur lebensmüde. Regel Nr. 1 für alle Schwipp-Schwager und Angeheirateten: Sagen Sie niemals "Nein.", wenn eine polnische Köchin Sie fragt, ob Sie noch etwas essen möchten. So oder so landet die nächste Portion auf Ihrem Teller – lehnen Sie ab, wird sie nur noch größer.

Regel Nr. 2: Nimm Fleisch! Die Auswahl an fleischlosen Gerichten ist sowieso eher mau. "Andreas, nimm Fleisch!", ist der Satz, den mein Freund seit vielen Jahren regelmäßig hört. Irgendwie macht es meine weiblichen Familienmitglieder unglücklich, wenn man da ablehnt – der Tonfall ist dann leicht aggressiv. Womit wir zu Regel Nr. 3 kommen: Wenn Mama oder Oma "Du hast Hunger! Iss!" in einem leicht bissigen Tonfall sagen, dann heißt das noch lange nicht, dass es böse gemeint ist. Ganz im Gegenteil – der bissige Tonfall ist einfach nett gemeint. Sie wollen ja nur für uns sorgen, sagen sie immer. Also einfach nicken und Fleisch nehmen!

Und wenn ich mal ganz ehrlich zu mir bin, ähnel ich Mama und Oma doch ein wenig – unser Haus verlassen die Gäste eigentlich auch nur kauend. Aber soll ich Ihnen was sagen? Unsere Familienfeiern sind die Besten!

(Report Anzeigenblatt)