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Leidensdruck ist enorm hoch

Leidensdruck ist enorm hoch
Ein Gespräch in der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der LVR-Klinik. FOTO: LVR Klinik
Viersen. Seit Anfang diesen Jahres ist die Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der LVR-Klinik Viersen im Einsatz. Wir haben uns mit Chefärztin Dr. Ljiljana Joksimovic getroffen, um von ihr zu erfahren, welche Erfahrungen sie und ihre Kollegen in den ersten Monaten gemacht haben und was genau hinter ihrem Fachgebiet steckt. Von Yvonne Simeonidis

Frau Dr. Joksimovic, wie ist der Betrieb in ihrer Abteilung im ersten halben Jahr angelaufen? Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
Dr. Ljiljana Joksimovic: Wir beobachten, dass die Nachfrage sehr hoch ist. Immer mehr Patienten rufen uns wirklich täglich an. Auch niedergelassene Ärzte wissen inzwischen, dass es uns hier gibt und melden sich, um Patienten zu uns zu schicken. Für eine neue Abteilung ist so etwas ganz wichtig. Es ist auch ein Zeichen, dass es richtig war, so eine Abteilung hier in der Region aufzubauen.

Die Patienten melden sich also hauptsächlich von sich aus?
Manche melden sich von sich aus, weil sie zum Beispiel bei Ihnen gelesen haben, dass es uns gibt. Viele kommen und sagen "Das könnte für mich interessant sein. Das trifft auf mich zu."

Sie sagten auch, es gibt inzwischen niedergelassene Ärzte, die ihren Patienten sagen "stellen Sie sich mal dort vor".
Genau. Bis jetzt musste man innerhalb des LVR-Verbundes entweder Düsseldorf oder Essen empfehlen. Für Patienten, die ohnehin Schwierigkeiten damit haben, zu sagen "ja, ich begebe mich jetzt in die psychosomatische Behandlung", war die Entfernung eine große Hürde.

Hilft die Tatsache, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft immer mehr als Krankheit anerkannt werden, den Patienten, sich bei Ihnen zu melden? Sind die Hürden da niedriger geworden?
Der Zeitgeist ist schon eher so, dass Menschen weniger Hemmungen haben, eine psychische Erkrankung zuzugeben. Auch das Umfeld der Patienten geht offener damit um, dass ein Angehöriger psychisch oder psychosomatisch krank ist. Wir hören oft von Patienten, "meine Kinder haben gesagt, ich soll mich melden" oder "mein Partner hat gesagt…" oder auch "mein Arbeitgeber". Es gibt Chefs, die ihren Angestellten sagen: "Wieso machen Sie nicht was für sich, wir unterstützen das, ihre Stelle ist hier sicher". Den Patienten ist es gleichermaßen wichtig, dass sie sich selbst nicht stigmatisieren, aber auch dass die Umgebung sie nicht stigmatisiert.

Wie lange sind die Patienten schon auf der Suche nach der Ursache ihrer Beschwerden, wenn sie zu Ihnen kommen?
Manchmal bis zu 20 Jahre. Das sind natürlich schwere, chronische Verläufe. Wenn ich im ruhigen Gespräch mit dem Patienten frage, wie lange er schon unter Beschwerden leidet, kommt oft "seit fünf, zehn Jahren, seit 20 Jahren…" Es gibt Studien, die belegen, dass zwischen fünf und acht Jahren vergehen bis Patienten in die psychosomatische Behandlung kommen. Sie haben dann sämtliche Fachärzte, Untersuchungen und Behandlungsversuche durch. Da baut sich ein großer Frust auf – auf Seiten von Patienten, weil ihnen nicht geholfen wird, aber auch von Seiten der Ärzte, weil sie sich inkompetent und hilflos fühlen.

Welche Beschwerden sind es hauptsächlich, unter denen die Menschen leiden?
Das sind körperliche Beschwerden, die auch im Rahmen von körperlichen Krankheiten vorkommen können: Kopf-, Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen. Beschwerden im Bereich der Atemwege oder Herz-Kreislauf: Herzrasen, Herzstolpern. Dann auch Übelkeit, Völlegefühl, Blähungen, Unterbauchschmerzen. Alles, was organisch bedingt sein kann, kann auch durch seelische Belastungen ausgelöst sein.

Geht es bei der Behandlung eher darum, mit dem Patienten gemeinsam die Symptome in den Griff zu bekommen oder darum, Lebensumstände zu erkennen und zu ändern, die potenziell für die Beschwerden verantwortlich sind?
In der ersten Phase der Therapie geht es immer darum, den Patienten zu stabilisieren. Das heißt, auch symptomorientiert zu arbeiten. Wenn die Symptome sehr stark sind, können sich Patienten auch auf nichts anderes konzentrieren. Da helfen schon stabilisierende Gespräche, medikamentöse Unterstützung, Entspannungsübungen, Skills-Training, Stress-Evaluations-Übungen. Aber spätestens danach geht es darum, die Ursachen zu finden und die liegen manchmal wirklich sehr, sehr viele Jahre in der Vergangenheit und wurden, wie wir sagen, kompensiert. Aber wenn dann wieder etwas passiert – Arbeitslosigkeit, Krankheit, Verlust, Trennung – kann die alte Verletzlichkeit wieder hochkommen.

Arbeiten Sie auch mit dem Umfeld der Patienten zusammen?
Wir führen Familien- und Paargespräche. Allerdings nur so viel wie notwendig ist, um das Umfeld zu verstehen. Wir bestärken unsere Patienten darin, die Verantwortung für sich und für ihre Beschwerden zu übernehmen. Man kann nur sich selbst ändern. Häufig löst dies aber eine Kettenreaktion aus: Verändert sich der Patient, ändert sich die Umgebung mit. Patienten sagen uns dann: "Gestern habe ich ein Kompliment von meiner Frau bekommen", oder der Ehemann, der sagte "du bist ruhiger geworden." Das ist wirklich sehr, sehr schön, wenn die Umgebung honoriert, wie schwer die Patienten hier arbeiten.

Können Sie konkrete Beispiele geben, wie Sie mit den Patienten arbeiten? Welche Therapieformen da eingesetzt werden?
Das ist die so genannte multi-methodale Therapieform. Die Patienten bekommen Gesprächstherapie – einzeln und in der Gruppe. Dann werden Familien- und Paargespräche geführt. Kreativ-therapeutische Verfahren haben in der Psychosomatischen Medizin große Bedeutung. Das heißt Kunsttherapie, Bewegungstherapie, denn psychosomatische Störungen sind oft auch Emotions-Wahrnehmungsstörungen. Es ist oft schwierig Worte für innere Konflikte zu finden. Hier können sie Ausdruck in einem Bild, einer Gestaltung oder Bewegung finden. Durch qualifizierte Körper- und Kunsttherapeuten können Patienten in unserer Abteilung besser Zugang zu ihren Emotionen finden.
Außerdem bieten wir sozialtherapeutische Unterstützung. Das heißt Begleitung und Unterstützung bei der Stellung von Anträgen, Regelung von schwierigen Behördenangelegenheiten und mehr. Aufgrund ihrer Krankheit können sich die Betroffenen oft nicht selbst um diese Dinge kümmern.

Die Tage der Patienten während ihres stationären Aufenthalts sind demzufolge vollgepackt mit Behandlungen?
Der Terminkalender der Patienten ist voll. Einzeltherapie, Kleingruppe, Großgruppe, medizinische Betreuung und pflegerische Gespräche. Es finden auch ganz wichtige, vertrauensbildende Gespräche zwischen Pflegepersonal und Patienten und auch zwischen den Patienten statt.
 
Es gibt aber auch Patienten, die ambulant betreut werden. Wie funktioniert das?
 Patienten, die Ambulanttherapie-fähig sind, werden in der Regel bei den niedergelassenen Kollegen psychotherapeutisch behandelt. Die Patienten, die nicht wartezimmerfähig sind, die nicht bei den niedergelassenen Ärzten therapiert werden können oder sehr lange auf die Therapie warten müssen, bekommen bei uns Überbrückungsangebote.
Außerdem bieten wir unseren Patienten nach dem stationären Aufenthalt eine Nachsorgebehandlung an bis sie ambulante Therapie finden. Häufig ist nämlich im Anschluss eine ambulante Therapie notwendig. Auch motivieren wir Patienten, die sich noch unsicher sind, in der ambulanten Behandlung den Schritt zur stationären Betreuung zu wagen.

Psychosomatische Beschwerden haben keine körperlichen Ursachen. Wie sieht es mit dem umgekehrten Fall aus: Krankheiten, die psychische Beschwerden zur Folge haben? Fällt das auch in Ihren Tätigkeitsbereich?
Ja, das ist auch unser Arbeitsgebiet. Es ist aber nicht immer so, dass es gar keine körperliche Ursache gibt. Es kann auch eine leichte Funktionsstörung oder Gewebeschädigung geben. Diese ist aber nicht so gravierend, dass sie die Beschwerden und Auswirkungen beim Patienten erklärt. Die Schere zwischen dem minimalen körperlichen Befund und massivem Gefühl des Symptoms ist groß.
Dann gibt es aber eben auch Patienten, die schwere körperliche Erkrankungen haben, die das Leben völlig verändern, die Themen anstoßen wie Todesangst oder Behinderung. Die Patienten sind so stark belastet, dass sie auf eine solche Krankheit mit einer depressiven Dekompensation oder einer Angsterkrankung reagieren. Auch längst verdrängte Gefühle der Hilflosigkeit, des ausgeliefert seins werden durch eine Erkrankung verstärkt. Durch bestimmte Lebensereignisse vorgeprägte Menschen sind eher gefährdet bei einer schweren Erkrankung psychische Begleiterkrankungen zu entwickeln. In solchen Fällen können wir hier gut helfen.

Sie erwähnten Depressionen. Ist die Depression ein Aspekt der psychosomatischen Erkrankung oder getrennt davon zu betrachten?
Unser Fachbereich nennt sich genau Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Das heißt, auch alle Krankheiten, die nicht im engen Sinne psychosomatische Krankheiten sind, sondern auch andere psychische Krankheiten, die mit psychotherapeutischen Mitteln gut zu behandeln sind, fallen in unseren Fachbereich und das ist etwa Depression, das sind Traumafolgestörungen, Angsterkrankungen, Essstörungen – die auch psychosomatisch sind. Das sind verschiedene Formen von Persönlichkeitsstörungen und Zwangserkrankungen.

Ein weites Feld, das Sie hier abdecken.
Ja, auf jeden Fall. Allerdings sind dementielle Erkrankungen, Psychosen, schizophrene Krankheiten oder schwerste Suchtproblematiken allein mit den Methoden der psychosomatischen Medizin nicht zu behandeln. Es gibt psychosomatische Abteilungen, die auch mit Suchtpatienten arbeiten, bei uns ist das aber nicht möglich.

Denken Sie, dass der Bereich der psychosomatischen Medizin künftig wichtiger werden wird?
Das kann ich mir wirklich gut vorstellen. Wir wissen zum Beispiel inzwischen, dass Fehltage oft mit psychosomatischen Krankheiten zusammenhängen, dass die Frührentnerrate aufgrund von psychosomatischen Krankheiten viel höher ist als aufgrund anderer Krankheiten. Es gibt eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Der Leidensdruck von Patienten ist enorm hoch. Die Kosten im Gesundheitswesen steigen durch immer wieder neue Untersuchungen.
Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich in einer Zeit leben, in der Menschen frei miteinander über ihre Gefühle sprechen können. Wir leben in einer überwiegend leistungsorientierten Gesellschaft, wo alles schnell geht. Wo es zwar irgendwie zum guten Ton gehört, auch über Gefühle zu sprechen, aber man doch an der Oberfläche bleibt. Ich würde es mir als Psychosomatikerin einfach wünschen auf breiterer, gesellschaftlicher Ebene eine Akzeptanz für die Bedeutung von unseren Gefühlen zu entwickeln.

Wir bedanken uns für das Gespräch.